Handelskammer Hamburg 2009

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Managererkrankungen

Ausbrennen kann nur, wer einmal gebrannt hat

Wenn die Seele nach Ruhe schreit, lautet die Diagnose oft „Burnout“. Eine Krankheit, die meist dort auftritt, wo Leistung besonders gefragt ist: bei Managern und Führungskräften.
Alles begann mit einem leichten Husten. Besonders während Telefonaten nach Übersee, wenn er laut sprechen musste. Doch Michael Siebel* verdrängte das lästige Symptom, das so gar nicht in sein Leben passte, schließlich war er erfolgreicher Manager. Jeden Monat flog er geschäftlich nach Asien, arbeitete oft bis spät in die Nacht und trieb obendrein Sport – wie viele andere Führungskräfte auch, die entgegen vieler Vorurteile gar keine Gesundheitsmuffel sind. „Der Durchschnittsmanager raucht nicht, ernährt sich bewusst und liest alles, was ihm zum Thema Gesundheit in die Hände fällt“, erklärt Diplom-Physiotherapeutin Anette Dinkels. Oft ist es jedoch nicht das Bedürfnis, sich etwas Gutes zu tun, sondern die Disziplin, die den Manager antreibt, nach Feierabend noch um den Block zu joggen, obwohl ihm schon fast die Augen zufallen.

„Manager sind kraftvolle, interessierte und entschiedene Menschen“, so Dinkels. Energie aber, die nur in eine Richtung fließe, habe nach einer gewissen Zeit keinen guten Effekt mehr, sodass Führungskräfte dazu neigten, andere Lebensbereiche zu vergessen. Bis irgendwann sogar die Familie zu einem Punkt wird, der nur noch „erledigt“ werden muss. Wie bei Michael Siebel. Die Arbeit wurde für den Endvierziger immer wichtiger, Energie für andere Dinge konnte er kaum noch aufbringen, und auch der Sport schuf keinen Ausgleich mehr. Erst als der Husten unerträglich wurde und seine Ehe zerbrach, ging er zum Arzt. Nach wenigen Gesprächen stand fest: Siebel befand sich kurz vor dem Burnout. Jetzt müsse er handeln, sagte der Arzt, sonst wäre es vielleicht zu spät.

Die Symptome erkennen, sie ernst nehmen und aktiv werden – das fällt den Alphatieren der Geschäftswelt oft schwer. Aber chronische Beschwerden, Müdigkeit, Konzentrationsstörungen und Schlaflosigkeit sind nicht zu unterschätzen, unbehandelt können sie sich zu einem Burnout entwickeln. Gemeint ist der Zustand totaler Erschöpfung und der Unfähigkeit, Leistung zu erbringen. Erstmals 1974 von einem Mediziner namens Herbert Freudenberger als Krankheit beschrieben, scheint es sich um ein Phänomen der modernen Leistungsgesellschaft zu handeln. Doch das Burnout-Syndrom, da ist sich Markus Frey, Fachmann für Burnout-Prävention, ganz sicher, ist so alt wie der Mensch selbst.

Daran erkranken kann theoretisch jeder, allerdings sind sich die Mediziner einig: Nur wer einmal gebrannt hat, kann auch ausgebrannt sein. Besonders gefährdet sind demnach diejenigen Menschen, die im Job großen Belastungen ausgesetzt sind. In einer Umfrage gaben 48 Prozent der Topmanager in Deutschland und in der Schweiz an, durch ihre berufliche Tätigkeit stark belastet zu sein. Werner Fürstenberg, Geschäftsführer des Fürstenbergs Instituts, das auch Gesundheitscoaching anbietet, erkennt neue Tendenzen: „Betroffen sind immer mehr Manager in der obersten Führungsebene, jüngere um die 30 und Frauen.“ Für die Wirtschaft ergibt sich dadurch ein großes finanzielles Problem, allein in Deutschland führen Arbeitsausfälle durch stressbedingte Erkrankungen zu Kosten von bis zu 100 Milliarden Euro pro Jahr.

Doch zum Dauerpatienten wird in der Regel niemand von heute auf morgen. Scheinbar genügend Zeit, rechtzeitig die Notbremse zu ziehen. Doch den ersten Schritt, den Gang zum Arzt, meiden Manager oft so sehr wie andere die Steuererklärung. „Je höher die Position, desto später werden sie aktiv“, sagt Fürstenberg. Kliniken wie das Diagnostikzentrum auf der Fleetinsel zum Beispiel bieten deshalb Check-ups speziell für Führungskräfte an. Das Besondere: Alle wichtigen Basisuntersuchungen werden an einem Tag durchgeführt.

Physiotherapeutin Anette Dinkels aber hält wenig von rein klinischen Diagnosen. Sie bietet stattdessen ganzheitliche Seminare zur Bestimmung des typgerechten Lebensstils an. Dieser, sagt sie, sei oftmals wichtiger als allgemeingültige Tipps, beispielsweise der Rat zu gesunder Ernährung und zu Sport: „Ich muss keinem Manager erzählen, was alles gesund ist, denn das weiß er selbst.“ In Dinkels’ Seminaren versuchen die Teilnehmer gemeinsam, sich an die Zeit vor ihrer Berufstätigkeit zu erinnern – ein wichtiger Schritt für sie, um zu erkennen, welche Bedürfnisse sie über die Jahre hinweg vernachlässigt haben. Erstaunlich: Die meisten Manager haben früher gern gekocht oder getanzt, allerdings gelernt, diese Bedürfnisse zu unterdrücken. „Es ist wichtig, bei der Behandlung so individuell wie möglich zu arbeiten“, so Dinkels. „Jemand, der den Zweikampf liebt, würde sich beim Joggen langweilen, Tennis wäre in dem Fall wahrscheinlich besser.“

Auch Michael Siebel entschloss sich, an einem von Anette Dinkels Seminaren teilzunehmen. Gemeinsam mit zwölf weiteren Teilnehmern arbeitete er daran, den Blick für sich selbst wiederzufinden und auf die Signale seines Körpers zu achten. „Das war die schönste und wichtigste Erfahrung meines Lebens“, sagt er heute über diese Zeit. Seither hat er sein Leben verändert, suchte sich einen neuen Job in einem kleineren Unternehmen. Dort arbeitet er zwar noch immer viel, doch kennt und akzeptiert er heute seine Grenzen. Und dass Sport nicht automatisch „auspowern“ bedeutet, erkannte er durch sein neues Hobby, das Bogenschießen: „Das zentriert und erdet mich.“ Michael Siebel ist gelassener geworden, weil er die Krankheit erkannt hat und aktiv geworden ist. Und von dieser inneren Ruhe und Ausgeglichenheit, daran zweifelt er nicht, profitiert nicht nur er selbst, sondern auch die Mitarbeiter und das gesamte Unternehmen.
Juliane Kmieciak
juliane.kmieciak@hk24.de
Telefon 36138-563

hamburger wirtschaft, Ausgabe Oktober 2009