Handelskammer Hamburg 2009

< zurück

Praxislerntag

Berufsorientierung einmal anders

Rund 60 Hamburger Schulen bieten mit dem Praxislerntag ein besonderes Konzept der Berufsorientierung an. Praktikanten wie Aylin Stiefel arbeiten ein Jahr lang einmal pro Woche in einem Betrieb.
Hoch bepackte Paletten, die von starken Männern an den richtigen Platz und auf Lkws gebracht werden, stehen in der Lagerhalle der Spedition Herbert Flesche in Rothenburgsort. Zwischen den Warenbergen verschwindet Aylin Stiefel fast, wenn sie die Wareneingänge scannt. Routiniert wie ein Profi geht die 14-Jährige ihrer Arbeit nach, doch ist sie keine feste Mitarbeiterin der Spedition. Aylin ist Schülerin der Kooperativen Gesamtschule Benzenbergweg und macht bei der Spedition Flesche ihr Berufspraktikum als „Praxislerntag“.

Für Aylin bedeutet das, dass sie einen Tag in der Woche im Betrieb ist, die anderen Tage in der Schule. Das geht ein ganzes Schuljahr lang so, wobei Aylin zwei Betriebe jeweils für ein halbes Jahr kennenlernt. Dieses Modell ist für zahlreiche Unternehmen ungewohnt, viele denken bei dem Wort „Praktikum“ nur an Blockpraktika von zwei oder drei Wochen. Die Schüler können in dieser Zeit gut ein Projekt abarbeiten.

Für die Berufsorientierung aber hat der Praxislerntag Vorteile: Ein Schüler lernt ein Berufsbild zu unterschiedlichen Zeiten des Jahres kennen. Außerdem kann er, da er immer am selben Tag in der Woche im Betrieb ist, Routinen erwerben und nach einiger Zeit unter Anleitung Aufgaben selbstständig übernehmen. So ist es auch bei Aylin: Mittlerweile scannt sie nicht nur Wareneingänge selbstständig, sondern sortiert auch Fahraufträge und bedient die Telefonzentrale. „So kann ich gut in die Berufe einer Spedition reingucken“, sagt Aylin.

Eckhardt Suhr, Niederlassungsleiter der Spedition Flesche in Hamburg, berichtet von der zehnjährigen Erfahrung, die das Unternehmen mit Praktikanten hat. Er sieht die Vorteile für den Betrieb, da es möglich ist, potenziellen Nachwuchs über eine längere Zeit kennenzulernen: „Der Praxislerntag war neu für uns, hat sich aber mit vier Wochen Vorlauf gut umsetzen lassen.“

Malte Cordes, Aylins Anleiter, findet den Praxislerntag gut: „Für uns ist es einfacher, Aufgaben zu finden, die Aylin an einem Tag erledigen kann, statt eine mehrwöchige Projektaufgabe zu entwerfen. Wir können Praktikanten während des Praxislerntags viel intensiver betreuen.“

In der Schule am Benzenbergweg ist der Praxislerntag vorbereitet worden. Die Schüler haben mit ihrem Lehrer Klaus Behn von Urban geübt, Bewerbungen zu schreiben und Lebensläufe zu verfassen. Sie haben auch Telefonsituationen trainiert, um auf diesem Weg Kontakt zu einem Unternehmen aufzubauen. Schließlich haben sie noch Bewerbungsgespräche geprobt, um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein.

Bei einer Bewerbung sagt das Zeugnis nur einen Teil aus. Wichtig ist, dass der Bewerber das Unternehmen von sich und seinen Praktikumsvorstellungen überzeugen kann. Während des Praktikums kommt auch der Lehrer in den Betrieb, um zu sehen, ob alles gut läuft. „Das war ein ausführlicher Besuch nach der Hälfte des Praktikums“, erinnert sich Eckhardt Suhr.

Dem Praxislerntag wird oft vorgeworfen, die Schüler verpassten Unterricht, wenn sie so oft im Unternehmen seien. Das greift aber zu kurz. Der Praxislerntag beginnt mit einer Einführungswoche im Betrieb. Danach folgt für ein halbes Jahr jeweils ein Praktikumstag pro Woche. Rechnet man diese Tage zusammen, kommt man auf etwa 20 Tage, fünf Tage mehr als ein dreiwöchiges Blockpraktikum. In diesen zusätzlichen fünf Tagen können die Schüler Eigenschaften vertiefen, die in der Schule vielleicht nicht so individuell vermittelt werden können. „Wir möchten unseren Praktikanten viel Selbstvertrauen mit auf den Weg geben“, sagt Suhr. „Das ist nötig, um später bei der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz erfolgreich sein zu können.“

Aylin hat ihr Selbstvertrauen aber auch schon gegen Ende des Praktikums unter Beweis stellen können. Praktikanten, die am Praxislerntag teilnehmen, müssen eine „Besondere betriebliche Lernaufgabe“ erfüllen, die sie in der Schule präsentieren. Aylin berichtet: „Ich habe die Aufgaben in einer Spedition dargestellt und meinen Mitschülern dabei auch spezielle Fachbegriffe erklärt.“ Malte Cordes ergänzt, dass Aylin eine sehr anspruchsvolle Arbeit abgeliefert habe: „Dafür hat sie eine Eins bekommen.“
Paul Raab
paul.raab@hk24.de
Telefon 36138-456
hamburger wirtschaft, Ausgabe September 2010