Praxislerntag
Berufsorientierung einmal anders
Rund 60 Hamburger Schulen bieten mit dem
Praxislerntag ein besonderes Konzept der Berufsorientierung an.
Praktikanten wie Aylin Stiefel arbeiten ein Jahr lang einmal pro Woche
in einem Betrieb.
Hoch bepackte Paletten, die von starken Männern an den richtigen
Platz und auf Lkws gebracht werden, stehen in der Lagerhalle der
Spedition Herbert Flesche in Rothenburgsort. Zwischen den Warenbergen
verschwindet Aylin Stiefel fast, wenn sie die Wareneingänge
scannt. Routiniert wie ein Profi geht die 14-Jährige ihrer Arbeit
nach, doch ist sie keine feste Mitarbeiterin der Spedition. Aylin ist
Schülerin der Kooperativen Gesamtschule Benzenbergweg und macht
bei der Spedition Flesche ihr Berufspraktikum als
„Praxislerntag“.
Für Aylin bedeutet das, dass sie einen Tag in der Woche im Betrieb
ist, die anderen Tage in der Schule. Das geht ein ganzes Schuljahr lang
so, wobei Aylin zwei Betriebe jeweils für ein halbes Jahr
kennenlernt. Dieses Modell ist für zahlreiche Unternehmen
ungewohnt, viele denken bei dem Wort „Praktikum“ nur an
Blockpraktika von zwei oder drei Wochen. Die Schüler können
in dieser Zeit gut ein Projekt abarbeiten.
Für die Berufsorientierung aber hat der Praxislerntag Vorteile:
Ein Schüler lernt ein Berufsbild zu unterschiedlichen Zeiten des
Jahres kennen. Außerdem kann er, da er immer am selben Tag in der
Woche im Betrieb ist, Routinen erwerben und nach einiger Zeit unter
Anleitung Aufgaben selbstständig übernehmen. So ist es auch
bei Aylin: Mittlerweile scannt sie nicht nur Wareneingänge
selbstständig, sondern sortiert auch Fahraufträge und bedient
die Telefonzentrale. „So kann ich gut in die Berufe einer
Spedition reingucken“, sagt Aylin.
Eckhardt Suhr, Niederlassungsleiter der Spedition Flesche in Hamburg,
berichtet von der zehnjährigen Erfahrung, die das Unternehmen mit
Praktikanten hat. Er sieht die Vorteile für den Betrieb, da es
möglich ist, potenziellen Nachwuchs über eine längere
Zeit kennenzulernen: „Der Praxislerntag war neu für uns, hat
sich aber mit vier Wochen Vorlauf gut umsetzen lassen.“
Malte Cordes, Aylins Anleiter, findet den Praxislerntag gut:
„Für uns ist es einfacher, Aufgaben zu finden, die Aylin an
einem Tag erledigen kann, statt eine mehrwöchige Projektaufgabe zu
entwerfen. Wir können Praktikanten während des Praxislerntags
viel intensiver betreuen.“
In der Schule am Benzenbergweg ist der Praxislerntag vorbereitet
worden. Die Schüler haben mit ihrem Lehrer Klaus Behn von Urban
geübt, Bewerbungen zu schreiben und Lebensläufe zu verfassen.
Sie haben auch Telefonsituationen trainiert, um auf diesem Weg Kontakt
zu einem Unternehmen aufzubauen. Schließlich haben sie noch
Bewerbungsgespräche geprobt, um für alle Eventualitäten
gerüstet zu sein.
Bei einer Bewerbung sagt das Zeugnis nur einen Teil aus. Wichtig ist,
dass der Bewerber das Unternehmen von sich und seinen
Praktikumsvorstellungen überzeugen kann. Während des
Praktikums kommt auch der Lehrer in den Betrieb, um zu sehen, ob alles
gut läuft. „Das war ein ausführlicher Besuch nach der
Hälfte des Praktikums“, erinnert sich Eckhardt Suhr.
Dem Praxislerntag wird oft vorgeworfen, die Schüler verpassten
Unterricht, wenn sie so oft im Unternehmen seien. Das greift aber zu
kurz. Der Praxislerntag beginnt mit einer Einführungswoche im
Betrieb. Danach folgt für ein halbes Jahr jeweils ein
Praktikumstag pro Woche. Rechnet man diese Tage zusammen, kommt man auf
etwa 20 Tage, fünf Tage mehr als ein dreiwöchiges
Blockpraktikum. In diesen zusätzlichen fünf Tagen können
die Schüler Eigenschaften vertiefen, die in der Schule vielleicht
nicht so individuell vermittelt werden können. „Wir
möchten unseren Praktikanten viel Selbstvertrauen mit auf den Weg
geben“, sagt Suhr. „Das ist nötig, um später bei
der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz erfolgreich sein zu
können.“
Aylin hat ihr Selbstvertrauen aber auch schon gegen Ende des Praktikums
unter Beweis stellen können. Praktikanten, die am Praxislerntag
teilnehmen, müssen eine „Besondere betriebliche
Lernaufgabe“ erfüllen, die sie in der Schule
präsentieren. Aylin berichtet: „Ich habe die Aufgaben in
einer Spedition dargestellt und meinen Mitschülern dabei auch
spezielle Fachbegriffe erklärt.“ Malte Cordes ergänzt,
dass Aylin eine sehr anspruchsvolle Arbeit abgeliefert habe:
„Dafür hat sie eine Eins bekommen.“
hamburger wirtschaft, Ausgabe
September 2010