hamburger wirtschaft März 2015 - page 13

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wirtschaft
03/2015
G
eht es nach der Bundesregierung, steht die
Wirtschaft aktuell an der Schwelle zu
einer Revolution. Genauer gesagt: zur vierten
industriellen Revolution. Auf die mit Wasser-
und Dampfkraft betriebenen mechanischen
Produktionsanlagen folgte Ende des 19. Jahr-
hunderts die Massenfertigung mithilfe von
elektrischer Energie und schließlich die Auto-
matisierung. Und jetzt? Vernetzen sich die
reale und die digitale Wirtschaft immer stärker
miteinander, betonte Bundeskanzlerin Angela
Merkel im Oktober beim Nationalen IT-Gipfel
inderHandelskammer.UndBundeswirtschafts­
minister Sigmar Gabriel ergänzte: „Kaum et-
was wird die Wettbewerbsfähigkeit Deutsch-
lands ebenso wie das soziale und kulturelle
Umfeld so verändern wie die digitale Vernet-
zung.“ Daher genieße die vierte industrielle
Revolution einen besonderen Stellenwert.
Revolution? Das ist nicht gerade tiefgesta-
pelt. Der Begriff lässt einen an Umsturz denken.
Was eben noch gut war, ist jetzt schlecht. Alles
wird auf den Kopf und infrage gestellt. Aber
gibt Industrie 4.0 das wirklich her? Und was
verbirgt sich überhaupt hinter dem Schlag-
wort? Antworten darauf zu finden, ist nicht
leicht, tummeln sich doch im Dunstkreis der
Industrie 4.0 weitere diffuse Begriffe wie
Cyber-Physical Systems, Smart Factories, das
Internet der Dinge, Cloud Computing und Big
Data. Hinzu kommt, dass es mehr als 100
Definitionen für das Phänomen gibt.
„In der Tat ist es so, dass zurzeit jeder etwas
anderes unter dem Begriff versteht“, sagt auch
Prof. Dr.-Ing. Alexander Fay von der Helmut-
Schmidt-Universität Hamburg (HSU). Fay ist
Experte für Automatisierungstechnik und Mit-
glied im wissenschaftlichen Beirat der Platt-
form Industrie 4.0, einem Projekt des Digital-
verbandes BITKOM, dem VDMA Verband
Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e. V.
sowie dem ZVEI – Zentralverband Elektrotech-
nik- und Elektronikindustrie e. V. Für den Pro-
dekan der Fakultät für Maschinenbau an der
HSU steht das radikale Umdenken in industri-
ellen Planungsprozessen im Mittelpunkt des
Zukunftsthemas Industrie 4.0. Was wird wie,
wann, wo, wie oft und auf welcher Maschine
produziert? „Alle diese Fragen wurden in der
Industrie bislang von oben herab, hierarchisch
und zentralisiert beantwortet“, erklärt Fay.
Das Problem dabei: Da es in komplexen Pro-
duktionsprozessen immer zu Komplikationen
komme und daher fortwährend neue Pläne
erstellt werden müssten, sei diese Methode
ineffizient. „Da läuft man sein Leben lang wie
der Esel der Möhre hinterher“, ist er überzeugt.
Industrie 4.0 bedeute deshalb: Verabschieden
wir uns von dem großen Plan.
Was Alexander Fay damit meint? In der
Vision der Industrie 4.0 sollen Produktions­
systeme durch Fortschritte bei der Robotik, der
künstlichen Intelligenz und den Datennetz­
technologien immer autonomer agieren und
selbstständig Entscheidungen treffen. Dezen-
tralität sei das entscheidende Schlagwort, so
Fay. Am Ende der Entwicklung ständen Produk-
tionsanlagen, die sich überwiegend selbst ver-
walten, überwachen, warten und selbstständig
den Güternachschub sowie die Logistik regeln
– kurz gesagt: die Smart Factories. Von solch
einer intelligenten Fabrik ist man derzeit aber
noch weit entfernt.
Bei der STILL GmbH ist ein kleiner Blick in
die Zukunft aber bereits heute möglich. Der
Intralogistikspezialist hat in einemForschungs­
projekt mit dem Fraunhofer Institut für Mate-
rialfluss und Logistik, der Softwarefirma SAP
und dem Sensorhersteller Sick ein neues Lager­
konzept entwickelt. Dessen Herzstück ist das
Konzeptfahrzeug cubeXX. „Der cubeXX kann
alle logistischen Aufgaben im Lager überneh-
Ti t e l
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Illustration: Anja Giese; Fotos: Edelweiss, Patrick P. Palej, Komarov Andrey/Fotolia.com; Thinkstock
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