hamburger wirtschaft März 2015 - page 17

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hamburger wirtschaft:
Herr Pfannenberg,
warum ist Ihnen das Thema Industrie 4.0 so
wichtig?
Andreas Pfannenberg:
Die Entwicklung in
Richtung Industrie 4.0 wird gewaltige Verän-
derungen mit sich bringen und auf kurz oder
lang dazu führen, dass viele bislang erfolg­
reiche Geschäftsmodelle nicht mehr funktio­
nieren. Das sollte jedem Unternehmer bewusst
sein. So einen Wandel kann man entweder als
Bedrohung oder aber als Chance begreifen. Ich
persönlich sehe ihn als riesige Chance –
sowohl für mich als auch für die deutsche
Wirtschaft als Ganzes.
hw:
Sie sprechen von gewaltigen Veränderun-
gen und Wandel, andere – darunter auch die
Bundesregierung – betiteln die Entwicklung
gar als Revolution. Halten Sie diesen Super­
lativ für angemessen?
Pfannenberg:
Ich glaube schon, dass es legi-
tim ist, von einer Revolution zu sprechen. Sie
erfolgt allerdings schrittweise, langsam und
gesteuert.
hw:
Haben Sie das Gefühl, dass sich die Ham-
burger Unternehmerschaft angesichts der
prognostizierten Tragweite der Entwicklungen
bereits ausreichend mit dem Thema Industrie
4.0 beschäftigt?
Pfannenberg:
Die großen und mittelgroßen
Unternehmen denken über das Thema nach,
das ist gar keine Frage. Um uns ein umfassen-
des Bild zu machen und insbesondere auch um
herauszufinden, wie es bei den kleineren
Unternehmen aussieht, führen wir aber im
Rahmen unserer Initiative seit Beginn dieses
Jahres eine Befragung durch. Auf deren Ergeb­
nisse bin ich schon sehr gespannt.
hw:
Undwie geht es dannweiter?Welche Ziele
hat die Initiative mittelfristig?
Pfannenberg:
Sehen Sie, ich glaube, ein Pro-
blem besteht derzeit noch darin, dass viele
Unternehmer den Begriff Industrie 4.0 zwar
wahrnehmen, ihn aber noch nicht so recht
einordnen können. Es herrscht eine gewisse
Unsicherheit: Inwiefern betrifft das auch mein
Unternehmen und Geschäftsmodell? Muss ich
aktiv werden oder soll ich erst einmal abwar-
ten, was die anderen machen? In so einer Situ­
ation halte ich es für extrem wichtig, sich
intensiv und branchenübergreifend auszu­
tauschen. Und genau dafür möchten wir mit
der Hamburger Dialogplattform einen Raum
schaffen. Voraussetzung für eine Kooperation
ist aber natürlich die Bereitschaft, sich zu öff-
nen und auch etwas zu geben. Wer sich ledig-
lich bei anderen etwas abschauen möchte und
die eigenen Erfahrungen für sich behalten
will, ist hier fehl am Platz.
hw:
Lassen Sie uns abschließend noch über
Bedenken sprechen, die es im Zusammenhang
mit Industrie 4.0 berechtigterweise gibt.
Pfannenberg:
Gerne.
hw:
Die Nutzung und der Austausch von gro-
ßen Datenmengen spielt bei Industrie 4.0 eine
zentrale Rolle. Sind Unternehmen dadurch
nicht sehr anfällig für Sabotage und Spionage
durch Hackerangriffe?
Pfannenberg:
Je bedeutender die Netze für
unsere tägliche Arbeit werden, desto wich­
tiger wird es auch, dass sie sicher sind. An
einer Verbesserung der IT-Sicherheit müssen
wir also selbstverständlich weiter arbeiten.
Eines dürfen wir dabei allerdings nicht verges-
sen: Hundertprozentige Sicherheit gab es nie
und wird es auch nie geben. Sich also auf-
grund von Sicherheitsbedenken nicht auf
diese grundsätzliche Entwicklung einzulassen,
halte ich für kontraproduktiv und gefährlich.
Sie wird nämlich stattfinden – ob wir wollen
oder nicht.
hw:
Ein weiterer Aspekt, der im Zusammen-
hang mit Industrie 4.0 kritisch diskutiert wird,
ist das Thema Arbeitsplätze. Was bedeutet es
für die Arbeitnehmer von heute und morgen,
wenn die Automatisierung im Zuge der Ent-
wicklung in Richtung Industrie 4.0 weiter
voranschreitet?
Pfannenberg:
Wenn sie das Bild einer men-
schenleeren Fabrik im Kopf haben, kann ich
Ihnen sagen: Die wird es auch auf längere
Sicht nicht geben. Natürlich wird die Entwick-
lung an einigen Stellen Arbeitsplätze kosten.
Es werden aber an anderer Stelle neue ent­
stehen. Für diese alternativen Jobs brauchen
die Angestellten dann andere Skills. IT-Kom-
petenz in all ihren Facetten wird zum ent-
scheidenden Qualifikationsmerkmal. Wenn
die Maschinen immer mehr miteinander
reden, muss es schließlich auch genügend
Menschen geben, die das verstehen und im
Zweifel ein Wörtchen mitreden können.
Andreas Pfannenberg (57) ist der Vor-
sitzende der Geschäftsführung der auf
Elektrotechnik spezialisierten Pfannen-
berg Group Holding GmbH sowie Mitglied
des Plenums der Handelskammer. Seit
Oktober 2014 fungiert er zudem als
Botschafter und Sprachrohr der Ham­
burger Dialogplattform Industrie 4.0.
Träger dieser Initiative sind die Handels-
kammer Hamburg, der ZVEI – Zentral­
verband Elektrotechnik- und Elektronik-
industrie e. V., der IVH Industrieverband
Hamburg e. V., der VDMA Verband
Deutscher Maschinen und Anlagenbau
e. V. sowie der VDI Verein Deutscher
Ingenieure e. V.
Zur Person
Moritz Heitmüller
Telefon 36138-306
Hundertprozentige Sicherheit
wird es nie geben
Fotos: Annegret Hultsch
hamburger
wirtschaft
03/2015
Illustration: Anja Giese; Fotos: Thinkstock
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