hamburger wirtschaft März 2015 - page 21

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wirtschaft
03/2015
V
ermessungen, Minensuche, Evakuierungen,
Gastronomieschiff: Nach dem Stapellauf
1908 auf Steinwerder hatte die Schaarhörn
unterschiedliche Funktionen. „Die Geschichte
des Dampfers ist ein Spiegel der Hamburger
Schifffahrts- und Hafengeschichte“, sagt Joa­
chim Kaiser. Der Schiffshistoriker und Kapitän
war 2001 einer der Mitgründer der Stiftung
Hamburg Maritim. Diese kauft, restauriert und
betreibt historische Schiffe mit Hamburgbezug
mithilfe ehrenamtlicher Crews. Abgesehen von
der Schaarhörn gehören der Stiftung unter
anderem der Lotsenschoner No. 5 Elbe und der
Hochseekutter Landrath Küster.
Eigentlich wurde die Schaarhörn als „see­
tüchtiger Peildampfer mit zwei Schrauben“ in
Dienst gestellt. Für solch ein Vermessungs­
schiff hatte die Bürger­
schaft dem Amt für
Strom- und Hafenbau
finanzielle Mittel bewil­
ligt. Doch nach der Fer­
tigstellung erinnerte der
schneeweiße Dampfer mit seiner luxuriösen
Ausstattung eher an ein Repräsentationsschiff
für den Senat. Auch was die Technik angeht,
war die Schaarhörn anderen Arbeitsschiffen
weit überlegen. Schnell war sie deshalb als
Staatsyacht verschrien.
Mit Beginn des Ersten Weltkriegs 1914
wurde die Schaarhörn nach Cuxhaven verlegt
und zum Minensuchschiff umfunktioniert. An
Bord war damals auch der Dichter Joachim
Ringelnatz,dermitReimenzumüberzeichneten
Matrosen Kuttel-Daddeldu bekannt wurde. „Es
werden immer noch Lesungen zu Ehren von
Ringelnatz auf dem Schiff abgehalten“, erzählt
Hans-Jürgen Graf, Vorsitzender des 1995 ge­
gründeten Vereins Freunde des Dampfschiffs
Schaarhörn e. V. Gegen Ende des Zweiten
Weltkrieges wurden mit dem Dampfer dann
Menschen an der deutschen und polnischen
Ostseeküste evakuiert. Nach dem Krieg war
die Schaarhörn wieder als Vermessungsschiff
in Cuxhaven im Einsatz, ehe sie 1973 nach
Großbritannien verkauft wurde. In Newcastle
diente sie bis 1979 als Gastronomieschiff.
Joachim Kaiser war es, der die Schaarhörn
1987 wiederentdeckte. Aus Zufall. Nach meh­
reren Eigentümerwechseln lag der Dampfer im
Hafen der nordenglischen Stadt Maryport. Er
befand sich in einem desolaten Zustand. Das
Deck war grasbewachsen, die Fenster ausge­
schlagen und überall war Rost. Trotzdem er­
kannte der erfahrene Schiffsrestaurator sofort,
was er vor sich hatte. „Aus historischer Sicht
war das ein unglaublicher Fund“, sagt Kaiser,
der damals mit seinem Frachtschoner Undine
vor Großbritannien unterwegs war.
Mit den Schiffsunterlagen im Gepäck reis­
te er zurück nach Hamburg, wo er – ebenfalls
zufällig – auf Mitarbeiter des Jugend in Arbeit
Hamburg e. V. traf. Diese erzählten Kaiser von
dem Projekt, bei dem junge Arbeitslose alte
Schiffe restaurieren, um handwerkliche Tätig­
keiten zu erlernen. Da der Verein auf der Suche
nach einem neuen Schiff war, überließ Kaiser
ihm die Dokumente. So landeten sie auf dem
Tisch von Reinhard Wolf, damals Leiter des
Bereichs Berufsbildung bei der Handelskam­
mer und ehrenamtlicher Geschäftsführer von
Jugend in Arbeit. „Es war Liebe auf den ersten
Blick“, erinnert sich Wolf. Ein restaurations­
bedürftiges, in Hamburg gebautes Dampfschiff
– das war das Projekt, das sich die Vereins­
führung gewünscht hatte. „Ich habe Bekannte
in England angerufen,
weil ich das Gefühl hat­
te, dass der Verkauf des
Schiffes an Deutsche
schwierig werden könn­
te“, sagt Wolf.
Nach langen, zähen Verhandlungen kam die
Schaarhörn – auch dank Spenden aus der
Wirtschaft – wieder in deutschen Besitz. Am
3. Mai 1990 erreichte sie in einem Dockschiff
Hamburg. Damit änderte sich auch für Kapitän
Kaiser einiges. „Ich habe die Seefahrt an den
Nagel gehängt und mich auf die Restaurierung
historischer Schiffe konzentriert“, erzählt er.
„Ich hatte vorher schon diverse Frachtsegler
restauriert, aber noch nie ein Dampfschiff von
dieser Größe und Wertigkeit.“ Fünf Jahre dau­
erte die Arbeit an der knapp 42 Meter langen
und sieben Meter breiten Schaarhörn, die nun
eine Art fahrendes Museum ist. Im Mai 1995
hatte Joachim Kaiser schließlich die Ehre, das
Schiff bei der Jungfernfahrt zu steuern.
Auch heute noch verlässt die Schaarhörn
regelmäßig für Charterfahrten, die die Stiftung
Hamburg Maritim organisiert, ihren Liegeplatz
im Traditionsschiffhafen am Sandtorhafen.
„Damit tun Passagiere gleich doppelt etwas
Gutes“, sagt Kaiser. „Erstens macht es unheim­
lich Spaß, auf dem historischen Schiff mitzu­
fahren, und zweitens unterstützt jeder Gast
den Erhalt eines schwimmenden Kulturdenk­
mals.“ Bereits 1993 hat die Stadt das Schiff
unter Denkmalschutz gestellt.
„Wir hatten schon einige Prominente wie
UN-Generalsekretär Boutras Boutros-Ghali
oder Modedesigner Karl Lagerfeld an Bord“,
erzählt Hans-Jürgen Graf. Er und die etwa 180
ehrenamtlichen Mitglieder des Vereins Freun­
de des Dampfschiffs Schaarhörn sorgen dafür,
dass auf dem kohlebefeuerten Dampfer alles
rundläuft. „Viele Vereinsmitglieder haben von
uns aus der Zeitung erfahren oder waren selbst
mal bei einer Ausfahrt mit an Bord“, sagt Graf.
„Grundsätzlich macht hier jeder alles. Nur für
einzelne Positionen, wie Offiziere, Maschinis­
ten und Heizer, brauchen wir Menschen mit
einer entsprechenden Ausbildung.“
I n f r as t r uk t u r
21
Ann-Katrin Raudszus
Telefon 36138-563
„Ich hatte noch nie ein
Dampfschiff dieser Größe und
Wertigkeit restauriert“
Internet
Seefahrer mit Vorliebe für historische Schiffe: Joachim Kaiser, Mitgründer der Stiftung Hamburg
Maritim, hat die Schaarhörn 1987 durch Zufall in Großbritannien wiederentdeckt
Foto: Susanne Katzenberg
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